Abriß der Ortsgeschichte von Rotfelden - von Dr. Karl Kempf

veröffentlicht 1997

Selten oder so gut wie nie kann man die Gründungsgeschichte eines Ortes auf Jahr und Tag, genau
datieren wie das bei einem Verein der Fall ist. Unsere Vereine sind in den wenigsten; Fällen älter als
hundert Jahre.

In Rotfelden gilt dies nur für den Kriegerverein, der vor nunmehr 120 Jahren als erster Verein im Ort gegründet worden ist, aber schon vor vielen Jahrzehnten zu existieren aufgehört hat. Die Gründungszeit des Dorfes liegt dagegen weit zurück in der beinahe schriftlosen Zeit des frühen Mittelalters. Als der Sportverein Rotfelden vier Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs gegründet wurde, war der Ort Rotfelden wohl schon etwa tausend Jahre alt. Trotzdem steht die 1000-Jahr-Feier erst in acht Jahren - im Jahr 2005 - als Jubilaum an. Die erste schriftliche Erwähnung des Ortes findet sich nämlich in einer Urkunde des deutschen Königs Heinrich II. vom Jahr 1005. In diesem Jahr schenkte der König vierzehn Dörfer samt allen Einwohnern und Besitztümern an das Georgskloster in Stein am Rhein (unterhalb von Konstanz). Davon waren vier Dörfer aus unserer Gegend: Nagold, Effringen, Rotfelden und Sindelstetten (ehemals bei Egenhausen). Über das Dorf Rotfelden und seine Bewohner ist in den nächsten drei, vier Jahrhunderten fast nichts zu erfahren. In den wenigen einschlägigen Urkunden sind hauptsächlich nur die Personen genannt, die Besitz im Ort und Rechte am Ort und dessen Bewohnern hatten und darüber verfügen konnten. Ein solcher adeliger Herr war der in einer Schenkungsurkunde um das Jahr 1090 für das Kloster Hirsau genannte "Erlewinus de Ratfelden". Erlewin ist der erste namentlich bekannte Rotfelder; er stand vermutlich in Beziehung - vielleicht sogar verwandtschaftlicher - zu dem damals mächtigen Grafen von Calw.

Im Zuge der heutigen Gleichberechtigung soll hier auch die bisher erste namentlich bekannte Person weiblichen Geschlechts aus Rotfelden Erwähnung finden. Sie tritt urkundlich vor fast genau 700 Jahren in Erscheinung – also gerade zwei Jahrhunderte nach dem ersten männlichen Rotfelder - und wird "Hailwig de Ratvelt" genannt. Hailwig von Ratvelt oder Ratfeld wollte im Jahr 1294 zusammen mit ihrem Ehemann Heinrich (genannt Zebanach) ihre in Haiterbach gelegenen Güter an das neuerrichtete Kloster auf dem Kniebis verkaufen. Die Namen von bürgerlichen Einwohnern in Rotfelden werden erstmals 6 Jahrzehnte! später genannt und zwar im Zusammenhang mit einer Verpfändung des ganzen Dorfes Rotfelden einschließlich seiner Bewohner, die damals sicher nur aus Bauernfamilien und ihrem Gesinde bestanden haben. Diese Verpfändung war die Folge der finanziellen Situation der damaligen Landesherren, welche vermutlich ebenso gut zu wirtschaften verstanden wie heutige Politiker. Landesherr im Jahr 1353 war Graf Burkhard V von Hohenberg-Wildberg, dessen "Land" in der Fläche aber nicht einmal ein Viertel des heutigen Landkreises Calw ausmachte, nach der Zahl seiner Bewohner noch weit weniger. Graf Burkhard befand sich damals offenbar in großer Geldverlegenheit und mußte deshalb sogar seinen eigenen Sohn Konrad anpumpen. Graf Konrad hat seinem Vater das Geld aber nicht umsonst vorgestreckt, sondern sich dafür ein Pfandobjekt geben lassen. Für das geliehene Geld-200 Pfund guter alter Heller (48 000 Silberpfennige) - erhielt Graf Konrad von seinem Sohn Burkhard das Dorf Rotfelden mit allen Leuten, Häusern, Gütern, Einkünften und Rechten. In Gewicht umgerechnet betrug der Preis etwa 60-70 Kilogramm Silber - so viel war Rotfelden damals insgesamt wert.

Es war anscheinend nur ein kurzatmiger Lösungsversuch der finanziellen Probleme des Landesherren. Zwei Jahre später wurde die Herrschaft der Wildberger Linie der Grafen von Hohenberg zwischen den beiden Söhnen des Grafen Burkhard aufgeteilt. Rotfelden fiel nun an die noch kleinere Herrschaft Hohenberg- Altensteig des Grafen Konrad (1355). Zwar hielt sich dieser Zwergstaat am längsten von allen hohenbergischen Teilherrschaften selbständig, aber nach gut vier Jahrzehnten war auch er am Ende und wurde von den Markgrafen von Baden erworben (1397/98). So kam es, daß Rotfelden gemeinsam mit den zwei Weilern Pfrondorf und Mindersbach eine kleine badische Exklave im umgebenden württembergischen Gebiet bildete. Von den vier heutigen Ortsteilen der Gemeinde Ebhausen gelangte es am spätesten an Württemberg. Wenden ist am frühesten württembergisch geworden (um 1340), Ebershardt folgte 1363, Ebhausen 1440 und Rotfelden erst 1603, als der bislang badische Amtsbezirk Altensteig in einem Tauschvertrag mit der Markgrafschaft vom Herzog von Württemberg erworben wurde. Noch vor dem Dorf und seinen Bewohnern war aber die Rotfelder Kirche - die erstmals 1275 schriftlich erwähnt ist - von Württemberg aus der Hand der Stadt Zürich erkauft worden (1543). Dies war eine Folge der politischen Entwicklung in der Reformationszeit. Sechzig Jahre lang hatten nun die badischen Rotfelder Württemberger als Pfarrherren. Die Rotfelder Pfarrfamilien von 1543-1603 waren somit staatsrechtlich die einzigen „Ausländer" im Ort. Bald darauf, noch in der Anfangszeit des Dreißigjährigen Krieges, wurde das Kirchenschiff abgerissen und größer aufgebaut 1627-28) Eine der am frühesten überlieferten Katastrophen im Dorf ereignete sich am 19. Juli 1559, als "zu Rottfeld ein grosse Brunst gewesen", wobei vermutlich der ganze oder größte Teil des Fleckens "verbronnen" ist. Man mußte noch viele Jahrzehnte lang deshalb Schuldzinsen an das katholische Stift Horb zahlen, von dem man in der Not ein sehr großes Kapital von 300 Gulden zum Wieder- aufbau des Dorfes hatte entleihen müssen. Inzwischen war der Dreißigjährige Krieg (1618-1648) ausgebrochen, der die größte Katastrophe nicht nur in der Geschichte des Dorfs Rotfelden, sondern auch in der des württembergischen Landes brachte. Im Pestjahr 1635 starben in Rotfelden 186 Menschen, über die Hälfte der Einwohnerschaft. Beim politischen und kirchlichen Wiederaufbau des Landes nach dem großen Krieg, machten sich vor allem die vier Söhne des Rotfelder Pfarrers Johannes Zeller verdient.Nicht nur als Stammeltern vieler Gelehrter, Forscher und Theologen in ganz Deutschland, sondern auch auf Grund ihrer persönlichen Leistungen sind sie die berühmtesten Rotfelder geworden. Der Jurist und Diplomat Dr. Johann Ulrich Zeller und sein Bruder, der Theologe, evangelische Abt von Alpirsbach und Assessor der württembergischen Landschaft (entspricht dem Rang eines heutigen Landtagspräsidenten) Johannes Zeller sind in Rotfeldens Pfarrhaus, dem ältesten heute noch bestehenden Wohnhaus (Bulacher Weg 4), in den Jahren 1615 und 1620 geboren worden. Nach dem Dreißigjährigen Krieg war das Dorf ausgeblutet,verarmt und zerfallen. Hungersnöte plagten die Bevölkerung.Noch über hundert Jahre lang litt man an den schweren Folgen des Krieges. Es gab keine Aufbauhilfen wie heutzutage,die Überlebenden hatten unglaublich schwer zu arbeiten, um mit Fleiß und Zähigkeit das Land wieder herzustellen. Noch im 19. Jahrhundert waren Teile der Bevölkerung so arm, dass sie kein Brennholz zum Heizen im Winter hatten. Die zahlreichen Auswanderungen um 1810 nach Rußland, Polen und Preußen, seit etwa 1840 nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika haben in der wirtschaftlichen Not ihren hauptsächlichsten Grund, nicht in den politischen Verhältnissen,wie beamtete Lexikonhistoriker immer noch, auch in Schulbüchern, verbreiten. Auch in Rotfelden waren unter den Auswanderern bemerkenswert viele Witwen mit Kindernund "ledige Weibspersonen".Mit der zunehmenden Technisierung im 1871 gegründeten zweiten Deutschen Kaiserreich wurde auch hier allmählich Wohlstand fühlbar und wurden staatliche Hilfsmaßnahmen gesetzlich festgelegt, wenn auch immer noch lange Arbeitszeiten und harte Handarbeit üblich waren. Rotfelden war immer noch durchweg bäuerlich geprägt, auch die im Ort lebenden Handwerker betrieben nebenher, noch eine kleine Landwirtschaft. Bei einer Bevölkerungszahl von rund 600 Personen Laut der steuerlichen Erfassung gab es im Jahr 1937 in Rotfelden 58 Gebäude davon waren 23 reine Wohnhäuser, 16 Scheunen und 19 als Wohnhäuser und Scheuer kombinierte Gebäude. An Handwerkern gab es 8 Zeugmacher, 3 Weber, 3 Bäcker, ein Zimmermann, ein Schmied, ein Wagner und ein Schneider. An öffentlichen Gebäuden gab es bereits ein Schulhaus, ein Waschhaus und ein Armenhaus. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts kamen die ersten gemeindlichen Betriebe auf, eine Ziegelhütte und eine Mahlmühle gab es vor 140 Jahren in Rotfelden immerhin rund 320 Stück Rindvieh (Ochsen, Stiere, Kühe, Rinder und Kälber), 15 Pferde, rund 150 Schafe, fast 100 Schweine und etwa 30 Bienenstöcke. Rotfelden gehörte damit zu den vermöglicheren Gemeinden des Bezirks, wohl auch durch den beinahe sprichwörtlichen Fleiß der "Eulen". So wird in der 1862 im Druck erschienenen Oberamtsbeschreibung Nagold über die Rotfelder berichtet: "Die Einwohner sind sehr fleißige, geordnete Leute; religiöser Sinn, der sich nicht selten bis zum strengen Pietismus steigert, wird bei ihnen beinahe allgemein getroffen. Die Erwerbsmittel bestehen in Feldbau, Viehzucht, Taglohn arbeiten und Waldsamen sammeln. Neben den nöthigsten Handwerkern bestehen 2 Schildwirthschaften mit Brauereien und eine großartige Branntweinbrennerei von W. Stähle, der hier sein großes Gut rationell bewirthschaftet." Der hier genannte große Gutsbetrieb war das Anwesen des vor dem Ort auf der Stelle eines früheren großen Weihers erbauten Gasthofes zum "Hirsch". Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden wichtige öffentliche Versorgungseinrichtungen geschaffen: 1901 erfolgte der Anschluß an die Schwarzwaldwasserversorgung. Die Hauswasserleitungen für jedes Haus machten jedoch bis heute nicht den (ehemals mit Holzdeicheln unterhaltenen ) Gemeindebrunnen überflüssig. 1906/1907 endete die Zeit der Öllampenbeleuchtung, Rotfelden wurde an das von Cletus Klingler in Nagold begründete Elektrizitätswerk angeschlossen, das nicht nur elektrischen Strom für die Beleuchtung, sondern vor allem auch Kraftstrom für bisher anstrengende Handarbeiten wie Dreschen, Sägen, Bohren Schleifen und a.m. lieferte. Im Ersten Weltkrieg 1914-1918 - Rotfelden zählte damals 650 Einwohner - wurden 126 Mann eingezogen, von denen 20 nicht mehr zurückkehrten. Im Zweiten Weltkrieg waren die Verluste noch weit größer. Dazu kam im April 1945 der Einmarsch französischer und marokkanischer Soldaten. Den Wiederaufbaujahren nach dem Krieg folgte eine wirtschaftliche Blüte, die sich auch hier wie anderorts deutlich bemerkbar machte.

Sie hatte aber auch eine sich allmählich durchsetzende völlige Strukturänderung des alten Bauerndorfes zur Folge, die im Rückblick und im Vergleich zur langen vorangegangenen Ortsgeschichte direkt rasant zu nennen ist. Industriebetriebe zogen immer mehr Arbeitskräfte als Auspendler an, wobei für Rotfelden die Daimler-Werke in Sindelfingen die meisten Arbeitsplätze boten. Bereits 1957 gab es 167 Auspendler. Hingegen ging die Landwirtschaft mehr und mehr zurück, das konnten auch drei Aussiedlerhöfe nicht mehr aufhalten. Es gab Ende 1966 bei einem Bevölkerungsstand von 684 Personen noch 549 Stück Rindvieh und 672 Schweine. 1960 gab es nach Mitteilung des Statistischen Landesamtes in Rotfelden noch 113 landwirtschaftliche Haupterwerbsbetriebe, 1996 waren es gerade noch Nebenerwerbsbetriebe. Auch im handwerklichen Bereich vollzog sich ein entsprechender Wandel. An Stelle der früheren, im eigentlichen Wortsinn tätigen "Hand"-Werker wie Wagner, Schmiede, Küfer, Schreiner, Schuhmacher, Schneider, deren Arbeit eng mit der herrschenden Landwirtschaft verzahnt war, traten zeittypisch neue wie Elektriker. Heute gibt es mehrere im Ort ansässige Firmen und Betriebe mit mehreren Arbeitsplätzen. Im Jahr 1962 wurde das neue Mehrzweckgebäude Rathaus-Kindergarten-Feuerwehrmagazin auf dem Platz des 10 Jahre vorher abgebrannten Bühler'schen Hofes ("Altschulze") eingeweiht. Ein neues Schulgebäude wurde 1967 im Neubaugebiet "Stöck" erstellt. Zugleich eine Turn- und Festhalle erstellt. Das nun leerstehende alte Schulgebäude und Rathaus wurde 1991-1992 renoviert, wobei auch als Ersatz für das 1972 abgerissene Backhaus aus dem Jahr 1867 eine Backstube im Erdgeschoß hinzukam. Die freiwillige Feuerwehr erhielt 1993 ein neues Magazingebäude in den Kenerwiesen, wodurch ein Erweiterungsbau für den neuen Kindergarten möglich wurde, den man 1994 einweihte. Grundlegend renoviert wurde 1986-1988 die alte Pfarrscheuer, als schmuckes Gemeindehaus dient das dreihundert Jahre alte Gebäude heute für Veranstaltungen der Evangelischen Kirchengemeinde und auch für private Feierlichkeiten.

Stark verändert und umgestaltet wurde in den Jahren 1978 1980 die altvertraute Dorfmitte. Dabei fielen das ehemalige Back- und Waschhaus (später Molke) und die alte Friedenslinde den Straßenbaumaßnahmen zum Opfer. Schon vorher war das Waaghäusle, lange Zeit hindurch der Treffpunkt im Ort, entfernt worden. Der Dorfbrunnen wurde neben die neue Omnibushaltestelle mit Wartehäuschen in der Ortsmitte versetzt. Verkleinert wurde der Kirchhof an der Südseite infolge Rücksetzung der Mauer wegen Verbreiterung des "Neuen Sträßle". Auf dem Friedhof wurde hingegen 1974 eine Leichenhalle erstellt. Nicht nur im Ort, sondern auch um den Ort herum veränderte sich in den letzten Jahrzehnten das Bild. In der "Wanzen", im "Ottenbühl" und vor allem in der "Stöck" und "Steinmauern" entstanden großflächige neue Wohngebiete. Durch Zuzüge ist die Bevölkerung inzwischen (1997) auf 992 Einwohner angestiegen. Die in den vergangenen dreißig Jahren erschlossenen und bebauten Wohnflächen übertreffen das alte Dorf bei weitem an Aus- dehnung. Der 31.Dezember 1974 war der letzte Tag des selbständigen Ortes Rotfelden. Seit dem 1. Januar 1975 sind die vier Orte Ebhausen, Rotfelden, Ebershardt und Wenden zu einer Gemeinde zusammengeschlossen. Spezielle Interessen von Rotfelden werden seither durch den achtköpfigen Ortschaftsrat gegenüber Gesamtgemeinderat und Verwaltung vertreten. Auch die selbständige Schule in Rotfelden endete. Zur Zeit wird das Schulhaus im Lerchenweg als Teil des Gesamtschulverbands Ebhausen-Rohrdorf für Grundschulklassen genutzt, deren Schüler aus Rotfelden und Wenden kommen. So hat sich das äußere Bild als auch die Struktur des Dorfes in den letzten drei Jahrzehnten sehr stark verändert, unvergleichlich stärker als in allen Jahrhunderten seines Bestehens zuvor. Dies gilt auch für die Zusammensetzung der Bevölkerung, die Lebensweise und die Freizeitgestaltung. Von dieser Strukturveränderung betroffen sind auch die Vereine. Andererseits sind die Vereine in gewisser Weise zu Erben der integrativen Kräfte des Ortes geworden. Darin liegt die Verantwortung und Verpflichtung begründet, und es ist zu begrüßen, wenn sie sich als Repräsentanten des Ortes Rotfelden ihrer integrativer Funktion für Rotfelden bewußt sind und bewußt bleiben.